ANGST vor der ANÄSTHESIE im ALTER
20. Mai 2026Wenn es um eine Operation geht, fürchten viele Menschen weniger den Eingriff selbst als die Narkose. Was kann moderne Anästhesie leisten, um Sicherheit und Vertrauen zu schaffen? Dr. Tim Papenfuß, Leiter der Anästhesie und IMC-Station im Orthopädischen Krankenhaus Schloss Werneck, erklärt, warum Angst verständlich ist und wie schonende Verfahren wie die Spinalanästhesie gerade älteren Patientinnen und Patienten zugutekommen.
Frage: Herr Dr. Papenfuß, die Anästhesie hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch weiterentwickelt und ist nur noch sehr selten mit Komplikationen behaftet. Trotzdem bleibt die Narkose für die meisten Patienten mit vielen Ängsten verbunden. Wie gehen Sie damit um?
Tim Papenfuß: Bei erstaunlich vielen Patienten überwiegen die Ängste vor unserer Arbeit als Anästhesisten gegenüber der des Operateurs. Unsere Aufgabe ist es, den Patienten sicher und wohlbehalten durch diese Operation zu begleiten und die Risiken zu reduzieren. Ängste zu nehmen ist schon bei der Aufklärung und der gemeinsamen Auswahl eines Narkoseverfahrens für und mit dem Patienten ein wesentliches Element unserer Arbeit.
Haben denn dann nur ältere und oftmals vielfältig vorerkrankten Patienten Angst vor der Narkose? Und wie groß ist das Risiko überhaupt?
Nein, gerade jüngere Patienten ohne Vorerkrankungen und einem damit evtl. einhergehenden niedrigerem Risiko sind fast immer nervöser und ängstlicher als ältere Patienten. Dies liegt vielleicht auch daran, dass ältere Patienten oftmals schon Erfahrungen mit unserer Arbeit gemacht haben und wissen, was auf sie zukommt. Das eigentliche Anästhesierisiko hat sich in den letzten Jahrzehnten durch viele technische Entwicklungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und eine immer bessere Ausbildung auf nur sehr wenige schwere Zwischenfälle pro eine Millionen Narkosen reduziert. Um dies insbesondere bei älteren Patienten zu erreichen, ist natürlich eine sorgfältige Arbeit vor, während und nach der Operation nötig.
Was meinen Sie hier genau?
Bei uns kommen die meisten Patienten zu einer geplanten Operation. Auch wenn viele von ihnen einen hohen Leidensdruck haben und möglichst schnell operiert werden möchten, beginnt unsere Arbeit oftmals schon lange vor der eigentlichen Operation: Viele dieser Patienten hatten Herzinfarkte oder Schlaganfälle, oftmals begleitet von Vorerkrankungen wie Diabetes oder Nierenerkrankungen. Wir möchten in solchen Fällen möglichst viele Informationen im Vorfeld einsehen und gegebenenfalls die Vorerkrankungen der Patienten optimal untersucht und eingestellt wissen. Und auch der Patient kann etwas tun, z.B. bei deutlichem Übergewicht abnehmen oder sich durch Krankengymnastik für die Operation fit machen.
Beeinflusst dies auch die Auswahl des Narkoseverfahrens?
Ganz maßgeblich! Bei allen unseren Operationen am Becken und Bein können wir prinzipiell zwei Narkoseverfahren anbieten: die „Vollnarkose“ und die Spinalanästhesie, fälschlicherweise im Volksmund oft „Rückenmarkspritze“ genannt. Aus der persönlichen Erfahrung habe ich den Eindruck, dass die Spinalanästhesie für viele Patienten das bessere, weil schonendere Verfahren, ist. Auch die Studienlage deutet darauf hin.
Das müssen Sie kurz erläutern!
Bei der „Vollnarkose“ wird der Patient in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt und in aller Regel beatmet. Bei der Spinalanästhesie dagegen ist für eine gewisse Zeit nur die untere Körperhälfte betäubt. Der Patient atmet selbst und auch das Gehirn wird nicht beeinflusst. Somit ist dieses Verfahren das weniger invasive und somit auch weniger risikobehaftete. Deshalb führen wir mehr als 75% der Operationen in Spinalanästhesie durch.
Aber bei Ihnen wird doch während der Operation am Knochen oft gesägt und gehämmert – das machen die Patienten einfach so mit?
Nein, die Allerwenigsten: „Ich möchte nichts mitbekommen“ ist der häufigste Satz, den wir dann zu hören bekommen. Aber mit einem leichten Dämmerschlaf, wie ihn viele Patienten z.B. von einer Darmspiegelung kennen, etwas Musik oder einer Videobrille, lässt sich der Großteil der Patienten auch sehr gut mit einer Spinalanästhesie durch unsere Operationen begleiten. Die allermeisten Patienten sind nach so einer Anästhesie positiv überrascht und wünschen sich diese z.B. bei einer weiteren Operation erneut.
Mit welchen Maßnahmen können Sie das Risiko noch reduzieren und somit Ängste nehmen?
Dies ist ein ganzes Bündel an Dingen: die Schmerztherapie wird je nach Vorerkrankungen, Allergien usw. für den Patienten maßgeschneidert. Im Einzelfall kommt hier auch ein Schmerzkatheter, der unter Ultraschallsicht angelegt wird, zum Einsatz. Bluttransfusionen waren für unsere großen Hüft- und Knieoperationen früher an der Tagesordnung, heute liegt die Rate bei uns für Knieprothesen nur noch bei 0.12%.
Wie wurde dies erreicht?
Das beginnt schon damit, dass die Patienten mit einem normalen Wert an rotem Blutfarbstoff, dem Hämoglobin, in die Operation gehen sollen. Bei auffallend niedrigen Werten muss vor der Operation versucht werden, die Ursache hierfür zu finden und diesen Wert z.B. durch eine Eisengabe anzuheben. Vor allem schonendere Operationsverfahren, aber auch der Einsatz von Tranexamsäure, mit der die Gerinnung verbessert wird, haben dazu beigetragen.
Welche Änderungen hat es sonst noch gegeben?
Eine bahnbrechende Verbesserung haben in den letzten Jahren „Fast-Track“-Konzepte gebracht, mit denen die Patienten nach einer Operation möglichst schnell dem normalen Alltag zugeführt werden: dies bedeutet unter anderem bei uns, 2-3 Stunden nach der Operation das erste Mal aufzustehen. Und erstaunlicherweise klappt das überwiegend sehr gut, auch bei älteren Patienten.
Ist das nicht sehr schmerzhaft?
Auch hier hat sich in den letzten Jahren viel getan: die Patienten erhalten eine individualisierte Medikation, so dass oftmals nur noch der erste Tag nach der Knie-Operation als unangenehm empfunden wird. Nach der Hüftprothese haben die Patienten oftmals erstaunlich wenig Schmerzen.
Zum Schluss: Angst vor der Anästhesie ist also unangebracht?
Weder Angst noch völlige Sorglosigkeit sind angebracht. Aber mit der nötigen Sorgfalt und Respekt vor der Anästhesie und Operation, gerade beim älteren Patienten, sind alle gut bedient.
